Pressemeldungen zur Ausstellung

Die R├╝ckseite allen Scheins

Wiesbadener Kurier 17. 7. 2009
Von Ulrike Brandenburg

AUSSTELLUNG Filmklasse der Mainzer Akademie f├╝r Bildende K├╝nste zeigt "Rotation"

Sp├Ątestens seit Nam June Paik geh├Ârt Filmisches zum Programm der Galerien und Museen. Und sp├Ątestens seit jener Pionierleistung sind Kunst-Clips eigenen Konzept-Bedingungen unterworfen. Die Symbiose von Film und Bildender Kunst setzt Kino- und Fernsehstandards au├čer Kraft, ein eigener Kanon ├Ąsthetischer und dramaturgischer Mittel kommt zum Einsatz.
Diese Basiskomponenten eines durchaus weit zu fassenden Kunstfilm-"Genres" begegnen auch in der aktuellen Ausstellung des Nassauischen Kunstvereins. Unter dem Titel "Rotation" pr├Ąsentiert die Filmklasse der Mainzer Akademie f├╝r Bildende K├╝nste auf die Galerie-Situation Bezogenes. Dabei decken die Studierenden das gesamte Spektrum m├Âglicher Artikulationsformen ab.
In seiner aus vier Screens bestehenden Installation nutzt Bj├Ârn Rodday die Macht der Langsamkeit; eine Regennacht schafft monochrome Bilder, Eric Saties serielle Komposition "Vexation" tr├Ągt die von Tristesse erf├╝llte Atmosph├Ąre.
Auf Interaktivit├Ąt setzt Jonas Etten. "Kapitalismus mit menschlichem Antlitz" nennt der Filmer sein Projekt. Das klingt nach Beuys, und tats├Ąchlich erlaubt das Video den selbst bestimmten Bild-Konsum. Etten holt die Kindheits-Faszination "Kaugummi-Automat" in die Kunstwelt hinein. Wahlweise gegen zehn Cent oder einen Euro ver├Ąndert sich der Screen, aus der Geldbox quellen Wasserblasen, und Fische treiben ├╝ber Hausw├Ąnde.
Ein poetisches Spiel mit m├Âglichen Sehwelten inszeniert auch Vladimir Mladenov. In eine Spiegelwand hat der angehende K├╝nstler zehn kleine Monitore hineinmontiert - wer nun auf sich selbst zugeht, verliert sich aus den Augen und gewinnt zugleich die eine oder andere Einsicht ├╝ber die R├╝ckseite allen Scheins. Ein Prinzip, das eben f├╝r die gesamte Ausstellung gilt - selbst f├╝r jene unn├Âtigen Arbeiten, die den Besuch zum nicht jugendfreien Spektakel degradieren.
Umso reizvoller daf├╝r die Discounter-Kritik einer Claudia M├╝nch oder die Kandinsky-Paraphrase Alexander Scheids. Witzig Nils Hillebrands Bodybuilder, Geschichtsbewusst Christoph Ottos vom "diskreten Charme der Bourgeoisie" erf├╝llter "Zeitraum", eine von jungen Schauspielern performte Hommage an die historische Dimension des Schauraumes an der Wilhelmstra├če. Reizvoll schlie├člich die Arbeit des Klassenleiters Harald Schleicher, der Hollywoods Helden noch einmal - und viel sch├Âner - sterben l├Ąsst.

Schnelle Kamerafahrt

Wiesbadener Tagblatt 7. 7. 2009
Von Anne Winkel

AUSSTELLUNG Filmstudenten im Nassauischen Kunstverein

Kunst in Endlosschleifen. Unter dem Titel "Rotation" pr├Ąsentiert die Filmklasse von Harald Schleicher jetzt 13 Arbeiten im Nassauischen Kunstverein. In der Ausstellung spiegelt sich die Vielfalt und thematische Bandbreite der Akademie f├╝r Bildende K├╝nste Mainz wider.
Die zw├Âlf Studenten und ihr Professor inszenieren filmische Welten, in die und aus denen der Betrachter jederzeit ein- und aussteigen kann. Die Idee zur Schau stammt von Steffen Conradi. Der Grafiker des Kunstvereins studierte einst selbst an der Akademie.
Alle Arbeiten sind speziell f├╝r die R├Ąume des Nassauischen Kunstvereins konzipiert. Besonders deutlich wird das am fortw├Ąhrend wiederholten Sechsmin├╝ter von Christoph Otto. In "Zeitraum" l├Ąsst der Student Schauspieler des Staatstheaters Mainz die Geschichte der Wilhelmstra├če 15 nachstellen. Wer aufmerksam betrachtet, erkennt, dass die Historie Spuren im Haus hinterlassen hat. Otto m├Âchte mit seinem Film zeigen, dass "Raum erst durch die Menschen konstituiert wird". Ihr jeweiliges Thema realisieren die Studenten mit unterschiedlicher Technik. So befindet sich der Betrachter zwischen zwei einem Fluchtpunkt zugewandten Leinw├Ąnden, wenn er mittels schneller Kamerafahrt von Claudia M├╝nch durch die Supermarktregale gef├╝hrt wird.
Oder er steht zwischen vier massiven Holzstelen, um synchrone Gesangs- und Bildeinstellungen von Bj├Ârn Rodday zu verfolgen. Das Portr├Ąt ├╝ber einen Freund aus Chortagen nimmt die Forderung des Komponisten Erik Satie, sein St├╝ck Vexation (Qu├Ąlereien) 840 Mal zu wiederholen, ernst.
Hinter dem Schild "Zutritt ab 18 Jahren" f├╝hren Danilo Vogt, Saad Yaseen und Gerald Haffke die Besucher in die umstrittene ├ästhetik der Pornografie. Etwas verlegen bemerkt Haffke, dass er nicht genau wei├č, wie er zur Idee seiner sehr ungew├Âhnlichen Videokabine "Make Love Lika A Porn Star" kam.
Wie viele Facetten die Welt hat und wie diese vom Betrachter abh├Ąngen, verdeutlicht "Through the Looking-Glass and What Alice Found There" von Vladimir Mladenov. Beim Wechsel zwischen kleinen Monitoren erhascht der Betrachter nicht nur Blicke auf verschiedene Filmsequenzen, sondern auch auf sich selbst. Die Schau bietet insgesamt faszinierende Blickmomente, ist kreativ und facettenreich.

"rotation" im Nassauischen Kunstverein

hr-online 4. 7. 2009

Ein Spielfilm dauert meist um die 90 Minuten und erz├Ąhlt eine Geschichte. Wie aber einen Film f├╝r eine Ausstellung konzipieren, bei der der Zuschauer selbst bestimmt, wie lange er zusehen will? Antworten liefern Studenten der Akademie f├╝r Bildende K├╝nste Mainz.
Filmstudenten realisieren in aller Regel Spiel-, Dokumentar- und Experimentalfilme ÔÇô Arbeiten also mit linear erz├Ąhlten Geschichten: einem Anfang, einem dramaturgischen Verlauf und einem (├╝berraschenden) Schluss. F├╝r das Ausstellungsprojekt "rotation" im Nassauischen Kunstverein sahen sich die Studierenden der Filmklasse vor eine neue Aufgabe gestellt: Es galt Arbeiten zu konzipieren, die in der Form sich wiederholender Filmschleifen funktionieren.
Arbeiten f├╝r einen Betrachter, der nicht im Kino oder vor dem Fernseher sitzt, sondern als Ausstellungsbesucher selbst bestimmt, wie lange er vor einem Bildschirm bleibt. Und Arbeiten, die f├╝r einen ganzen Raum und nicht f├╝r den Bildschirm konzipiert und inszeniert sind. Herausgekommen sind insgesamt 13 spannende Projekte.

Gefangen im Schleim

Frankfurter Rundschau 3. 7. 2009

Action Helden toben sich im "toy haus" aus. Eine gro├če Schleimkugel h├Ąngt im Raum. Kopf und K├Ârper bewegen sich in verschiedenen Umlaufbahnen. Das ist schon Tradition: Studenten von Akademien und Hochschulen bietet der Nassauische Kunstverein eine Ausstellungsplattform. Diesmal sind es die Filmarbeiten der Klasse Harald Schleicher der Akademie der Bildenden K├╝nste in Mainz. Sie breiten sich im ganzen Haus des Kunstvereins aus.
Die Filmklasse ist eine von 13 k├╝nstlerischen Klassen der Akademie. "Rotation" haben die Studenten ihr Projekt im Kunstverein genannt. Das hei├čt: Hier gibt es keine Filme mit Anfang und Ende zu sehen, sondern Arbeiten, die f├╝r die R├Ąume des Kunstvereins konzipiert und inszeniert sind.
Zum Beispiel "Schleimplanet" von Stefanie Jaehde: In der gro├čen Schleimkugel, die im Raum h├Ąngt, ist ein kleiner Bildschirm zu sehen. Menschen flehen den Besucher an, sie aus der Kugel zu retten. Doch der kann nichts tun.....Oder Brot und Butter: Eine Videoinstallation. Sie thematisiert den ├ťberfluss an Produkten, mit dem wir t├Ąglich konfrontiert sind.

L├Ąuft und l├Ąuft

Frankfurter Allgemeine Zeitung 21. 7. 2009

Der 73 Jahre alte Marathonl├Ąufer Harald Preisler, der im Fr├╝hjahr seinen 1621. Lauf absolviert hat, k├Ânnte Vorbild sein f├╝r die Mainzer Filmstudenten an der Akademie f├╝r Bildende K├╝nste der Gutenberg-Universit├Ąt: Film im Endloslauf statt mit Anfang und Ende stand auf dem Semesterplan, um eine Ausstellung im Nassauischen Kunstverein Wiesbaden zu gestalten. Die 12 Studenten und ihr Professor Harald Schleicher haben extra f├╝r die Galerie statt f├╝r's Kino Projekte erarbeitet, zu sehen sind Animationen wie Nils Hillebrands "Toy House" und Installationen wie Michael Schwarz' Portr├Ąt von Preisler bis 26. Juli.